Aktuelles

BIKU-Treff ist Mitglied der Plattform Arbeit und Psyche P.A.P.
Presseartikel
„Wir geben jedem die Zeit, die er braucht“
Psychische Erkrankungen sind immer häufiger der Grund,
weshalb Jugendliche nicht oder nur schlecht in der Arbeitswelt
Fuß fassen können. Der Bildungs-und Kulturtref in Wien hilft
ihnen.
Die achte Klasse Gymnasium hat
Thomas B. noch erfolgreich abgeschlossen. Aber als die Matura vor
der Tür stand,ging einfach nichts
mehr. Die Angst, die den damals 18-Jährigen schon während des
letzten Schuljahrs gequält hatte,
wurde übergroß und machte ihn
starr.
Nicht im Frühjahr zum Haupttermin wollte sich Thomas der
großen Prüfung stellen, sondern im Herbst oder vielleicht noch
später, wenn es ihm wieder besser gehen würde. Doch nichts wurde
besser. Die Depression, jene Krankheit, die sich allzu oft
mit der Angstmaske tarnt, hat Thomas trotz Behandlung die
nächsten Jahre fest im Griff. Die meiste Zeit verbringt er zu
Hause, igelt sich ein. Die Wohnung zu verlassen, Freunde zu
treffen, all das macht ihm Angst und kostet Kraft, die er nicht
hat: „Hie und da habe ich Baby gesittet und andere kleine
Tätigkeiten verrichtet, je nachdem, wie gut oder schlecht es mir
gerade gegangen ist“, erzählt der heute 23-Jährige.
„Doch Struktur und Rhythmus bekam mein Leben erst wieder, als
ich beim Bildungs- und Kulturtreff
(Biku) den Kurs begonnen habe, um in der Arbeitswelt Fuß zu
fassen.“ Thomas’ Mutter wird bei dem Verein Hilfe für Angehörige
psychisch Erkrankter (HPE) auf das Angebot des Bildungs- und
Kulturtreffs für psychisch erkrankte Menschen (kurz Biku-Treff)
aufmerksam und sieht darin eine Chance für ihren Sohn, endlich
wieder in ein normales Leben zurückzufinden.
Schritte in die Normalität
Der Verein Biku-Treff existiert seit 1993 und wird vom
Bundessozialamt und dem AMS Österreich finanziert. Nachdem man
sich in den ersten Jahren noch zum Ziel gesetzt hatte, psychisch
erkrankte Menschen jeder Altersklasse, also auch solche im
Erwachsenenalter, bei der sozialen und beruflichen (Re)Integration zu unterstützen, müssen sich die Mitarbeiter
seit einigen Jahren ausschließlich auf Jugendliche zwischen 15
und 24 Jahren fokussieren.
„Das ist eine Zielgruppe, die stark im Zunehmen begriffen
ist“, sagt Eveline Dietrich, die Geschäftsführerin des
Biku-Treffs. Diese Entwicklung führt Dietrich unter anderem auf
den ständig steigenden Druck zurück, der einen hohen Grad an
Funktionieren sowohl in beruflicher als auch in
gesellschaftlicher Hinsicht einfordert: „Davon sind wir alle
betroffen, nur halten die einen den Anforderungen besser stand
als andere. Sensible Menschen – und das sind psychisch Erkrankte
in aller Regel – kippen als Erstes aus so einem strengen System.
Das sieht man an den Krankenständen, an erster Stelle stehen
Arbeitnehmer mit psychischen Problemen. Für sie gibt es kaum
schützende Nischen.“
Den Druck nicht weitergeben
Das
Biku-Programm versucht – jedenfalls ein Jahr lang – eine solche
zu sein. Allerdings soll sie von den Teilnehmer auch wieder
verlassen werden, um – so der Idealfall – mit einer Arbeit oder
einer Ausbildung beginnen zu können.
„Manche Jugendliche werden vom AMS zu uns geschickt, weil sie
schon viele Arbeitsversuche hinter sich haben, aber aufgrund
ihrer psychischen Disposition immer wieder gescheitert sind“,
sagt Dietrich.
„Andere werden von psychiatrischen Abteilungen oder
Clearing-Stellen an uns vermittelt, oder sie kommen mithilfe
ihrer Angehörigen oder sogar auf Eigeninitiative zu uns.“ Was
folgt, ist ein sehr ausführliches Erstgespräch, um
herauszufinden, ob der oder die Betroffene überhaupt für diese
Form des Reintegrationsprogramms geeignet ist. Dem Biku selbst
werden nämlich von den finanzierenden Stellen strenge
Zielvorgaben gemacht; mindestens 50 Prozent der 30
Kursteilnehmer sollen nach zwölf Monaten
entweder „jobfit“ sein, das heißt in einem
sozialversicherungspflichtigen Dienstverhältnis stehen, oder mit
einer Weiterbildung begonnen haben.
„Das sind nicht leicht zu
erfüllende Kriterien für uns Psychologen und Therapeuten, denn
wir kommen mit dieser strengen Erfolgsquote seitens des
Bundessozialamtes selbst sehr unter Druck“, sagt Projektleiterin
Maria Aichinger-Ehardt. „Wir arbeiten
hier mit Menschen zusammen, die sich gerade unter Druck schnell
überlastet fühlen und in Folge leicht in die Krise schlittern.
Deshalb ist bei unserer täglichen Arbeit das oberstes Gebot und
gleichzeitig die schwierigste Herausforderung, den Druck, dem
wir Biku-Mitarbeiter selbst ausgesetzt sind, nicht an unsere
Jugendlichen weiterzugeben. Es würde die Erfolgschancen jedes
Einzelnen
vermindern.“
Krankheit bewusstmachen
Die potenziellen Kandidaten
leiden typischerweise unter Depressionen, Ängsten,
Panikattacken, Psychosen oder Persönlichkeitsstörungen und sind
sich ihres Leidens bewusst: „Die Krankheitseinsicht ist eine
entscheidende Voraussetzung, um bei uns den Kurs beginnen zu
können. Ohne ein ehrliches Selbstverständnis können wir
nichts miteinander erreichen“, so Dietrich. „Jemand, der meint,
es sei alles mit ihm in Ordnung, er habe keinen Leidensdruck,
dem können wir auch nicht helfen. Wir sind darauf angewiesen,
dass der oder die Betroffene die Bereitschaft mitbringt, etwas
zu verändern und mit uns ein
Bündnis zu schließen.“
Immerhin verbringt man 30 Stunden die
Woche mit anderen Leidensgenossen. Ohne Spielregeln kann das
Zusammensein in der Gruppe nicht funktionieren:
„Die erste Schwierigkeit für mich war, jeden Tag pünktlich um neun
Uhr früh beim Biku-Treff zu erscheinen“, sagt Thomas B.
„Anfänglich habe ich gefürchtet, ich
würde schon daran scheitern,
denn ich habe jahrelang keinen
geregelten Tagesablauf mehr gekannt.
Als ich festgestellt habe,
dass es mir gelingt, jeden Tag in
der Früh aufzustehen, hat das
mein Selbstbewusstsein schon ein
bisschen aufgemöbelt.“ Und wer
einmal ausfällt, muss selbst beim
Biku anrufen und erklären, wieso
er nicht kommen kann. „Das ist
eben genauso, wie man es bei einem
wirklichen Job machen
müsste“, sagt Maria Z.
Was sagen, was nicht?
Die Manisch-Depressive stieß
im Internet selbst auf das Biku-Projekt, nachdem sie schon jahrelang
vergeblich versucht hatte,
eine für sie passende Arbeitsstelle
zu finden: „Die Suche war
schwierig, denn eigentlich hatte
ich überhaupt keinen Tau, was ich
tun sollte. Genauso wenig war mir
klar, wie ich mit meiner Erkrankung
bei Bewerbungen umgehen
soll. Ist es besser, bei einem Vorstellungsgespräch
gleich mit der
Tür ins Haus zu fallen und zu sagen,
dass ich eine bipolare Störung
habe, oder lieber nicht?“
Diese und andere Fragen werden
mit den Psychologen und
Therapeuten gemeinsam in der
Gruppe besprochen. Aichinger-Ehardt: „Sich und seine Erkrankung
besser kennenzulernen ist
ein wichtiger Schritt, bei dem wir
helfen wollen. Wenn unsere Leute
ihre Grenzen wahrnehmen und
spüren, wann die Belastung für sie
zu viel wird, lassen sich Krisen
verhindern.“
Neben den eigenen Erlebnissen
nimmt man auch am Leben der
Kollegen Anteil: „Kaum war ich
Mitglied der Biku-Gruppe, hatte
ich das Gefühl, nicht mehr alleine
zu sein“, so Maria Z. „Und ich
habe auch sehr von den Erfahrungen
der anderen profitiert.
Wenn jemand von seinem Praktikum
Positives erzählt hat, dachte ich mir: Bei mir kann es auch
klappen.“
„Der gegenseitige Austausch in der Gruppe ist ein ganz
wichtiger Bestandteil unseres Programms. Jeder erzählt, was ihm
in der Vergangenheit widerfahren ist, und wir versuchen zusammen
dafür eine Erklärung zu finden“, sagt Aichinger-Erhardt. Viele
hätten nach langen Phasen der Isolation erstmals wieder
Anschluss zu Gleichaltrigen und fühlten sich endlich wieder
irgendwem zugehörig.
Dass es zwischen den Teilnehmer immer
wieder zu Konflikten kommt, überrascht nicht weiter: „Die
Sozialkompetenz jedes Einzelnen ist sehr unterschiedlich. Manche
können ihre Probleme sehr reflektiert wiedergeben, andere haben
eine sehr einfache Art, sich zu artikulieren. Das schmälert aber
nicht ihren Wert. Einander mit Respekt zu begegnen, auch das
kann man lernen.“ Neben der täglichen Gruppenarbeit finden auch
Module statt , bei denen die Kandidaten ganz praktische Dinge
erfahren: „Zu hören, wie ich einen Lebenslauf verfassen muss,
wie ich mich in einer Bewerbungssituation am besten verhalte
oder welche
rechtlichen Aspekte bei einem Dienstverhältnis relevant sind,
das hat mir sehr viel gebracht“, so Thomas B.
Egal um welche
Inhalte es geht, am wichtigsten sei es, so Aichinger, dass jedem
Kursteilnehmer in einem vertrauensvollen Umfeld jene Zeit
gegeben werde, die er für seine Entwicklung braucht: „Das
ist wie mit einem Grashalm. Der wächst auch nicht schneller,
wenn man an ihm zerrt. Im Gegenteil,
er kann abreißen.“
Erlerntes umsetzen
Eine der ersten
Nagelproben im Programm ist die Absolvierung eines Praktikums:
„Da sehen wir dann, ob das Erlernte auch in der Realität
umgesetzt werden kann“,
so Dietrich. „Zuallererst müssen die Jugendlichen für sich
selbst einen Praktikumsplatz finden. Schon das ist für viele
eine schwierige Aufgabe.“ Umso erfreulicher, dass Thomas B.
schon nach dem zweiten Anruf seinen Platz in einem Kindergarten
in derTasche hatte: „Das war ein großer Erfolg für mich. Und die
Arbeit mit den Kindern hat mir, nachdem ich meine ersten
Schwellenängste überwunden hatte, auch sehr viel Spaß gemacht.
Jetzt hoffe ich, eine Ausbildungsstelle zum Kindergartenhelfer
zu bekommen.“
Wie es den Biku-Teilnehmern bei den ersten
Ausflügen in die Arbeitswelt ergeht, wird mit den Therapeuten
genau besprochen. „Manche von ihnen, häufig Borderliner, halten
die zwischenmenschlichen Beziehungen, wie sie am Arbeitsplatz
entstehen, nicht gut aus. Smalltalk zu führen ist für uns eine
Selbstverständlichkeit, für Instabile jedoch kann es eine enorme
Belastung sein.“ Wüssten Arbeitskollegen mehr von den Problemen
psychisch Kranker, könnte schon im Vorfeld vieles abgefangen
werden. „Aber Probleme mit der Psyche sind in unserer
Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema.“
Andere, mehr Ressourcen
Maria Z. fand sich bei zwei von drei Praktika sehr
gut zurecht: „Eines allerdings war eine Katastrophe. Aber davon
habe ich mich – anders als früher – nicht mehr entmutigen
lassen. Heute habe ich genügend Ressourcen.“
Geht das jeweilige
Biku-Jahresprogramm zu Ende, heißt es für die Jugendlichen, von
KollegInnen und neu gewonnenen Freunden Abschied zu nehmen.
Nicht jedoch von den Biku-Mitarbeitern: Sie begleiten jene, die
es wollen, noch weitere sechs Monate bei ihren nächsten
Schritten ins Berufsleben. „Für viele unserer Schützlinge ist es
der erste Abschied, der im Guten und in Harmonie vor sich geht –
eine ganz neue Erfahrung.“
Die Kollegen nicht mehr regelmäßig zu
sehen ist für viele schwer: „Mir fehlen unsere Morgenrunden
sehr. Sie waren ein guter Tagesbeginn, denn sie haben mir
geholfen, meine Ich-Bezogenheit zu durchbrechen. Das hat so
gutgetan“, so Thomas B.
Das Ende des Biku-Jahres bedeutet für
ihn wieder eine Umstellung, vor der er Respekt, aber nicht mehr
so viel Angst hat: „Mir ist bewusst, dass jede Veränderung eine
heikle Phase für mich ist. Aber ich habe in dem Jahr viel
Selbstbewusstsein getankt“, so der 24-Jährige. „Und wenn es beim
Arbeiten irgendwelche Probleme geben sollte, kann ich mich doch
immer wieder an meine Betreuer im Biku wenden. Sie sind
weiterhin für mich da.“
(Judith Hecht/KarrierenStandard, Print-Ausgabe, 8./9. Jänner 2011)
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